Kleine Einführung in die Personzentrierte
Psychotherapie oder
Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers
Von lic.phil. Frank Margulies Fachpsychologe FSP für Psychotherapie Zürich www.praxis-margulies.ch
Die Personzentrierte Psychotherapie eignet sich für die Behandlung eines sehr breiten Spektrums von Problemen und Störungen. Sie ist auch für verschiedene Settings geeignet: Einzeltherapie, Gruppentherapie, Spieltherapie für Kinder, Familien- und Paartherapie.
Geschichtliches
Der Personzentrierte Ansatz wurde in den frühen
40er Jahren vom Psychologen Carl R. Rogers (1902 -1987) begründet und von
Beginn weg bis heute an den Universitäten empirisch-wissenschaftlich auf
seine Wirksamkeit geprüft, gelehrt und entsprechend weiterentwickelt. Er
gehört zu den best erforschten wissen-
schaftlichen Psychotherapieansätzen
mit hoher Wirksamkeit und breitem Behandlungsspektrum. Im deutschen
Sprachraum ist aus historischen Gründen die Bezeichnung
„Gesprächspsychotherapie“ (nach C. Rogers) üblicher als die international
korrekte Bezeichnung von „Personzentrierter Psychotherapie“ oder auch
„klientenzentrierter Psychotherapie“. Personzentriert zu arbeiten erfordert
eine mehrjährige postgraduierte Weiterbildung sowie theoretische und
praktische Fachkenntnisse aus dem Bereich der wissenschaftlichen
Psychologie (Hauptfachstudium).
Das historische Verdienst: Betonung der Beziehung als Agens der Therapie
Diese Therapieform stellt die
Beziehung Klient-Therapeut ins Zentrum, welche von
drei personzentrierten Grundhaltungen geprägt ist. Allem, was der Klient
oder die
Klientin in die therapeutische Beziehung hineinbringt, wird grundsätzlich
mit
bedingungsloser Wertschätzung, personzentrierter Empathie und Echtheit
seitens
des Therapeuten begegnet. Die Anwendung der Grundhaltungen bringt eine
grosse
Fülle an psychologisch hilfreichen Interaktionen hervor, die ganz auf die
hilfe-
suchende Person, auf ihre Besonderheiten sowie auf ihr Umfeld
abgestimmt sind.
Das Fachwissen des Psychologen
sowie seine menschliche Präsenz als Gegenüber können innerhalb dieser
hilfreichen Beziehung ihre Wirkung zugunsten der Weiterentwicklung des
Klienten entfalten. Sie fördern die in jeder Person angelegte Fähigkeit zur
Selbstentwicklung und Selbstheilung. Die drei Grund-
haltungen sind:
1. Bedingungslose Wertschätzung: Der Klient wird so angenommen, wie er sich dem Therapeuten zu erkennen geben möchte.
2. Empathie: Die Welt der Klientin wird mit ihren Augen gesehen.
Dieses Nachvollziehen wird durch den Therapeuten auf hilfreiche
Weise
kommuniziert. Dadurch entsteht das therapeutische Begleiten, welches das
Gewahrwerden von
verzerrt oder gar nicht
wahrgenommenen Erlebnisinhalten
erleichtert oder erst ermöglicht.
3. Echtheit des Therapeuten bedeutet die Möglichkeit von konstruktiven Auseinandersetzungen. Als Fachperson wie auch als
Mensch ist
die kommunizierte Echtheit, die sich in den Dienst des Rat- und
Hilfesuchenden stellt, ein Mittel
zum therapeutischen
Fortschritt.
Rogers stellte daneben noch drei weitere Bedingungen für eine erfolgreiche Klienten-Therapeutenbeziehung auf, welche zu diesen Grundhaltungen hinzukommen und die „sechs notwendigen und hinreichenden Bedingungen für psychotherapeutische Veränderung“ darstellen:
4. Der Klient ist in einem Zustand der
Inkongruenz (kein oder nur ein teilweises Übereinstimmen zwischen Erfahrung
und Selbstkonzept)
5. Es braucht einen psychologischen Kontakt zwischen dem Klienten und
dem Therapeuten.
6. Das therapeutische Angebot der drei Grundhaltungen muss für den
Klienten zumindest ansatzweise wahrnehmbar
sein.
Nur wenn therapeutische Beziehungen diese
Bedingungen möglichst gleichzeitig erfüllen, so sind psychotherapeutisch
relevante Modifikationen auch möglich. Über die zum Teil äusserst weit
reichenden Implikationen jeder dieser Punkte kann ich hier nur
andeutungsweise sagen, dass ganze Theorien zur Psychotherapie entwickelt
werden konnten, indem bestimmte Bedingungen genauer beschrieben und
erforscht wurden. Als Beispiel sei der Autor und Wissenschafter Garry Prouty
genannt, der die Bedingung „psychologischer Kontakt“ genauer beschrieb und
erforschte. Daraus entstand die sogenannte Pre-Therapie für Schizophrenie-
Erkrankte und geistig Behinderte.
Rogers Beitrag, sechs notwendige und hinreichende Bedingungen für psychotherapeutische Veränderungen zu formulieren, kann als schulenübergreifend gelesen werden und wurde von der wissenschaftlichen Community auch so rezipiert. Unzählige Forschungsarbeiten über die vergangenen Jahrzehnte (weltweit) validierten dieses Modell, so dass es spätestens seit den 70-er Jahren zum State of the Art der psychotherapeutischen Psychologie gehört.
Entscheidend sind aber die ersten drei
Grundhaltungen. Sie definieren die Behandlung der Problemlagen und des
Leidens. Sie fokussieren auf die relevanten Emotionen und bieten durch die
Grundhaltungen Bearbeitungsangebote des eigenen Erlebens und Denkens an (experienzielle
Psychotherapie). Meist entstehen diese emotionalen Bearbeitungsangebote
durch die personzentrierte Beziehungsgestaltung von alleine (non-direktive
Haltung). Es kann auch sein, dass der Therapeut gezielt emotionale
Bearbeitungs-
angebote macht, um das leidende, blockierte (strukturgebundene)
Erleben und Denken des Klienten zu verändern. Ob nun gezielt angeboten oder
darauf vertrauend, dass die therapeutischen Haltungen neues Erleben und
Denken, aber auch neue Handlungs-
weisen entwickeln helfen: Immer fördern sie
das persönliche Wachstum, erleichtern, schwierigste Erfahrungen des Lebens
in sein Selbst zu integrieren und geben Mut und Gelassenheit für die
gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen.
Ein personzentriert arbeitender Psychologe und Psychotherapeut verfügt über viel Fach- und Expertenwissen. Er muss aber auch in der Lage sein, als menschliches Gegenüber echt aufzutreten. Diese Echtheit muss im Dienste der psychologischen Entwicklung des Klienten, der Klientin stehen. Dies erfordert viel Aus- und Weiterbildung, Übung, Erfahrung und kontinuierliche Lernbegegnungen mit den Seinen (und den Andern…).
Philosophischer und geschichtlicher Hintergrund des Personzentrierten Ansatzes
Das Betonen der komplexen Schlüsselvariable „Beziehung“ ist das historische Verdienst der personzentrierten (Gesprächs-) Psychotherapie. Ihr Begründer, Carl R. Rogers, konnte so ab den frühen 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts eine eigenständige (humanistische) Psychologie und Psychotherapie zusammen mit andern entwickeln. Dadurch gelang eine notwendige Abgrenzung von der sehr unnahbaren, wenig „menschlich“ wirkenden Psychoanalyse, die kaum Vertrauen in die konstruktiven Seiten der Seele aufzubringen fähig ist. Andererseits wurde es ebenso möglich, die in den USA bereits dominanten Verhaltenstheorien von Watson und Skinner kräftig durchzurütteln und zu Veränderungen zu zwingen, die zu einer menschlicheren Lehre der Psychologie an den Universitäten der USA führte.
Die Person ist im personzentrierten Ansatz ein philosophisch-umfassender Begriff: Sie wird in ihrem Spannungsverhältnis zwischen Autonomie einerseits und Beziehungsangewiesenheit andererseits verstanden (Kierkegard, Buber, Levinas). Die Person hat somit grundsätzlich eine substanziale Seite. Diese Seite der Person bezieht sich also auf sich selber (auf die eigene Substanz), ist rückbezüglich, kann zum Teil nur aus sich selber heraus verstanden werden. Die andere Seite nennt man relational. Es ist die Seite, welche sich auf die andern bezieht, auf die Mitwelt und die Gesellschaft, in der man lebt und welche man einatmet. Beide Seiten sind gleich wichtig und stehen, wie gesagt, in einem gewissen Spannungsverhältnis. Dieses Spannungsverhältnis ist nicht grundsätzlich auflösbar, sondern begleitet eine jede Person durch das Leben. Eine Person entscheidet sich zum Beispiel für eine Beziehung und muss gleichzeitig auf eine autonome, persönliche Weiterenwicklung verzichten (Karriere machen). Ich erwähne hier nur ein klassisches Beispiel zur Illustration. Gerade so gut hätte ich schreiben können, dass eine Person auf die Weiterführung ihrer Beziehung möglicherweise verzichtet, weil sie sich in den letzten Jahren persönlich verändert hat. Eine solche persönliche Entwicklung erscheint dann dieser Person fast nicht mehr vereinbar mit der Partner-Beziehung.
Eines der grundlegenden Ziele der personzentrierten Arbeit ist es, der Person in diesem Spannungsfeld zu ihrem jeweiligen Gleichgewicht zu verhelfen und ihr volles psychologisches und soziales Entfalten zu erleichtern.
Das Wort „Person“ hat seine etymologischen Wurzeln
im Griechischen Theater der Alten Zeit. Eine Person stellte eigentlich eine
Maske dar, die dem Publikum vorgeführt wurde. Diese Maske sollte aber nichts
verbergen, sondern im Gegenteil dem Publikum zeigen, wie die Person in ihrem
Innenleben aussieht: Die Maske als Spiegel nach aussen, als Erkennungsmittel
für die Mitmenschen. Die Theaterentwicklung der vergangenen Jahrhunderte hat
die Maske dann aber eher als verbergendes Mittel, denn als ein aufdeckendes
geprägt – wenn auch nicht durchgehend. Nichtsdestotrotz kann ein
philosophischer Exkurs zum Wort „Person“ nicht darum umhin, auf diese alte
Bedeutung der Maske als Mittel der Darstellung des Inneren, das ansonsten
verborgen bliebe, hinzuweisen. Wer mehr über die personzentrierte
Anthropologie erfahren möchte, der lese mit Gewinn den österreichischen
Autor, Psychologen und Psychotherapeuten Peter F. Schmid, einer der
wichtigsten zeitgenössischen Autoren innerhalb der person-
zentrierten Wissenschaftsgemeinde.
Methodenintegration
Der Personzentrierte Ansatz ist aufgrund seiner grossen Offenheit sehr geeignet, verschiedene Therapiemethoden in sich zu integrieren – dies ist auch eine gewisse Gefahr! Bei einem mehr methodenintegrativen Ansatz der personzentrierten Gesprächs-psychotherapie sind die oben dargestellten Grundhaltungen eine Basis und zugleich Lackmustest für die Integration von fremden Therapietechniken. Es kann während des therapeutischen Geschehens gut überprüft werden, ob das Einführen von Techniken mit den Grundhaltungen kompatibel gemacht werden kann. Kompatibel ist eine Technik innerhalb des personzentrierten Ansatzes dann, wenn der Klient oder die Patientin sich grundsätzlich auf die Technik einlässt und ihr gegenüber eine Compliance an den Tag legt. Damit ist das zusätzliche Angebot ein Angebot, das dem Bezugsrahmen des Klienten entspricht.
Alle emotionszentrierten oder emotionsfokussierten sowie alle beziehungsorientierten Psychotherapieangebote gehören zum Selbstverständnis der personzentrierten Psychotherapie oder Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers. Wichtige Partnerschulen zum Personzentrierten Ansatz sind alle experienziellen Psychotherapieschulen, angefangen von der Focusing-orientierten Psychotherapie (Gendlin, Wiltschko) bis hin zu den experienziellen Psychotherapie-Methoden (L. Greenberg, Rice, Elliot). Auch hypnotherapeutische und Trance-Methoden (z.B. EMDR-Traumatherapie) sind gut kombinierbar mit der Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers.
Eine weitere Methodenintegration ist mit der kognitiven Verhaltenstherapie möglich. So kann es sinnvoll sein, bestimmte Aufgaben bis zu einer nächsten Therapie-Stunde gestellt zu bekommen und als Klient zu versuchen, sie zu bewältigen. Ähnlich verhält es sich mit der Induktion von neuen Erfahrungen, welche aktiv ausserhalb der Therapiestunden zu sammeln sind (alles Techniken aus der Verhaltenstherapie). In meiner beruflichen Praxis habe ich auch schon bestimmte Techniken während der Stunde aus der Verhaltenstherapie eingesetzt wie die systematische Desensibilisierung.
Zusätzlich zu technischen Einsprängseln können auch Theoriehypothesen aus andern Psychotherapiemodellen Eingang in die personzentrierte Arbeit finden. Eine sogenannt systemische Perspektive kann bei der Behandlung beispielsweise gewinnbringend sein und den Blick auf sich und sein Umfeld entscheidend verändern. Der aktive Einbezug des Umfelds, sei es bei Jugendlichen und ihren (elterlichen) Bezugspersonen, sei es der Partner im Fall einer Paarbeziehung, ist häufig auch eine Handlungskonsequenz der Integration eines systemischen Ansatzes in die personzentrierte Psychotherapie. Vom Modell der personzentrierten Theorie her ergäbe sich im Übrigen das Gleiche aufgrund der philosophischen Grundannahmen zum Begriff „Person“. Dieser ist schon immer über die reine Individuums-Perspektive hinausweisend. Der Begriff „Person“ kann immer nur relational verstanden werden – eine Person ohne Bezugspersonen und Mitwelt ist inexistent.
Psychologische Praxis - Psychotherapie Paartherapie
Lic.phil. Frank Margulies.
Fachpsychologe FSP. Einzeltherapie - Paarberatung.
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Carl Ransom Rogers (1902 -1987)